Lernortkooperation im Fokus der Berufsbildungsforschung: InnoVET PLUS-Projekte präsentieren gemeinsame Perspektiven auf der BBFK 2026
Vom 1. bis 3. Juli 2026 fand in Innsbruck die zehnte Österreichische Berufsbildungsforschungskonferenz (BBFK) statt. Die Veranstaltung versammelte rund 260 Teilnehmende aus Wissenschaft, Berufsbildungspraxis und -politik, um aktuelle Entwicklungen und Zukunftsperspektiven der beruflichen Bildung zu diskutieren. Unter dem Leitthema „Quo vadis Arbeitswelt? – Berufliche Praxis und berufliche Bildung auf dem Prüfstand“ standen die Veränderungen der Arbeitswelt sowie daraus resultierende Herausforderungen und Chancen für die Aus- und Weiterbildung im Mittelpunkt.
Unter dem Titel „Lernortkooperation: Mehr als wissen, was die anderen machen!“ wurde ein Forum entlang wissenschaftlicher und praxisorientierter Erkenntnisse aus den InnoVET PLUS[1]-Projekten „TiKoPLUS – Tierwohl, Kompetenz und Lernortkooperation“ und „BeConnect – Berufspädagogik Connect“ gestaltet. Auf der Basis von empirischen Daten wurden Herausforderungen, Potenziale und Entwicklungsbedarfe für die Zusammenarbeit zwischen den Lernorten in der beruflichen Bildung (Berufsschule, Ausbildungsbetrieb, überbetriebliche Ausbildung) aus unterschiedlichen Perspektiven analysiert und in drei Beiträgen zur Diskussion gestellt.
Lernortkooperation aus der Perspektive von Berufsschulen
Der erste Beitrag von Prof. Dr. Silke Lange (Institut für Management, Universität Koblenz) und Gwenda Gaßel (Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Osnabrück) aus dem Projekt BeConnect betrachtete Lernortkooperation aus der Perspektive von Berufsschulen. Vorgestellt wurden die Ergebnisse einer Blitzumfrage, die gemeinsam mit dem niedersächsischen Berufsschullehrerverband im Oktober 2025 (n=171) durchgeführt wurde. Die Daten zeigen, dass Lernortkooperation unter Lehrkräften hoch legitimiert, die Umsetzung jedoch eher schwach ausgeprägt ist. Dies spiegelt sich auch in der Sicht der Auszubildenden wider, die Lernortkooperation zwischen ihrem Betrieb und weiteren Bildungsorten nur selten wahrnehmen. Die befragten Lehrkräfte aus Niedersachsen berichten, dass sie überwiegend problemorientiert und reaktiv mit den Kolleginnen und Kollegen anderer Lernorte kooperieren. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Lernortkooperation vor allem als organisatorische Aufgabe (informieren, problemorientierte Abstimmung z.B. zum Verhalten von Auszubildenden) und nicht als didaktische Praxis (gezielte Abstimmung z.B. von Ausbildungsinhalten, gemeinsame Gestaltung z.B. von Ausbildungselementen) wahrgenommen wird. Differenzen zeigen sich vor allem zwischen den Theorie- und den Fachpraxislehrkräften, wobei letztere eher in didaktischen Fragen kooperieren als die befragten Theorielehrkräfte. Lange und Gaßel bringt das zur abschließenden Frage, ob die didaktische Umsetzung von Lernortkooperation ein Ausdruck des individuellen betrieblichen Erfahrungswissens darstellt?
Die Beiträge aus dem TiKoPLUS-Projekt gestalteten Victoria Klages (Landwirtschaftliches Bildungszentrum Echem, Landwirtschaftskammer Niedersachsen), Friederike Krause, Maximilian Loch und Prof. Dr. Rita Meyer (Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung, Leibniz Universität Hannover).
Lernortkooperation in der regionalen Berufsbildungspolitik am Beispiel der Landwirtschaft
In dem zweiten Beitrag wurden Gestaltungspotenziale und Herausforderungen von Lernortkooperation im Kontext der landwirtschaftlichen Berufsausbildung unter Einbindung der Berufsbildungspolitik in Niedersachsen beleuchtet. Die Annäherungen an das Feld erfolgten aus einer Expert:innenbefragung. Ein zentrales Ergebnis ist, dass die an der Lernortkooperation beteiligten Akteur:innen je eigene Zielvorstellungen verfolgen und deren Realisierung priorisieren. Daraus können Interessenkonflikte entstehen, insbesondere dann, wenn individuelle oder institutionelle Zielsetzungen voneinander abweichen. Unter der Annahme, dass Individuen und Institutionen Kooperationen vor allem dann eingehen, wenn sie daraus einen erkennbaren Nutzen ziehen, bedarf die Lernortkooperation einer verstärkten Verdeutlichung ihres jeweiligen Mehrwerts aus der Perspektive der beteiligten Akteure und Institutionen.
Lernortkooperation in (landwirtschaftlichen) Betrieben: Herausforderungen und Gestaltungspotenziale – erste empirische Annäherung
Auf der Grundlage von Interviews mit betrieblichem Bildungspersonal und angehenden Landwirt:innen wurde in dem dritten Beitrag zunächst die spezifische Ausbildungsrealität in der betrieblichen Berufsausbildung in der Landwirtschaft betrachtet. Insbesondere familiär geprägte Betriebsstrukturen beeinflussen die Sozialisations- und Lernerfahrungen von Auszubildenden in der landwirtschaftlichen Ausbildung. In diesem Zusammenhang sind die Grenzen zwischen der Sphäre des Privaten sowie des Beruflichen nicht trennscharf: Sowohl Auszubildende als auch Ausbildende nehmen eine enge soziale Einbindung wahr, die wechselseitig in einem erhöhten Engagement sowie einem Entgegenkommen (z. B. Bereitschaft zu unhinterfragter Mehrarbeit) zum Ausdruck kommt.
Mit Blick auf die Umsetzung von Lernortkooperation kann die enge Einbindung der Auszubildenden in den betrieblichen Kontext zu Anerkennungsproblemen gegenüber den anderen Lernorten führen. Dies äußert sich bspw. in einem ausgeprägten Vertrauen der Auszubildenden in die berufsbezogenen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse des Bildungspersonals im Lernort Betrieb.
Angesichts der Besonderheiten in der Umsetzung der landwirtschaftlichen Berufsausbildung ist Lernortkooperation nicht nur eine organisatorische Notwendigkeit, sondern eine wesentliche Voraussetzung für eine ganzheitliche und zukunftsorientierte berufliche Bildung. Durch die inhaltliche Verzahnung der Lernorte kann die berufliche Ausbildung über den Aufbau eines reinen Fachwissens hinausgehen und die Entwicklung einer umfassenden beruflicher Handlungskompetenz fördern.
Fazit
Sowohl das rege Interesse am Forum als auch die abschließende Diskussion der dargestellten Befunde und Annahmen zeigten die Bedeutung, die Berufsbildungsexpert:innen der Lernortkooperation beimessen. Die vorgestellten Erkenntnisse deckten sich mit den Erfahrungen der Anwesenden. In der Diskussion wurde Lernortkooperation als wichtiger Faktor für den Transfer hervorgehoben und betont, dass der gemeinsame Bildungsauftrag in der dualen Ausbildung nur durch Lernortkooperation realisiert werden kann. Positiv bewertet wurden zudem die Ansätze beider Projekte, Lernortkooperation über die Förderung von Begegnungen der Lernorte zu stärken. Zugleich wurden Leerstellen benannt: So fehle bislang eine Theoretisierung des Gegenstandes, und auch die Perspektive des informellen Lernens finde in der Auseinandersetzung mit Lernortkooperation bisher keine Berücksichtigung.
Die Gestaltung eines Forums auf der BBFK 2026 trug dazu bei, dass Erkenntnisse aus den Projekten TiKoPLUS und BeConnect, die durch die Drittmittelförderung in dem Programm InnoVET gefördert werden, innerhalb der Scientific Community der Berufs- und Wirtschaftspädagogik präsentiert und diskutiert werden konnten. Der Austausch zwischen Forschung und Praxis eröffnete neue Perspektiven für die Weiterentwicklung lernortübergreifender Kooperationen in der beruflichen Ausbildung.
[1] Mit dem Programm InnoVET fördert das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) bundesweit Projekte mit dem Ziel, die Attraktivität, Qualität und Gleichwertigkeit der beruflichen Bildung zu steigern. Durchgeführt wird das Programm vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).
Die Folien des Beitrages können Sie hier finden:
https://myshare.uni-osnabrueck.de/f/ac21c39832884887b403/